Polycythaemia vera (PV): molekulargenetische Untersuchung

Bei nahezu allen Menschen mit Polycythaemia vera liegt eine genetische Veränderung vor, die sich mit Hilfe einer molekulargenetischen Untersuchung nachweisen lässt. Hier erfahren Sie, wie der Nachweis funktioniert.

Polycythaemia vera (PV): molekulargenetische UntersuchungDie roten Blutkörperchen (Erythrozyten) sind in unserem Körper für den Transport von Sauerstoff verantwortlich. Ihre Bildung im Knochenmark wird normalerweise durch einen körpereigenen Botenstoff, das Hormon Erythropoetin, reguliert. Es entsteht in der Niere und wird nur dann freigesetzt, wenn der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt. Auf diese Weise stellt der Körper sicher, dass im Knochenmark immer so viele rote Blutkörperchen entstehen, wie auch tatsächlich benötigt werden.

Bei der Polycythaemia vera ist dieser Vorgang gestört. Unabhängig vom tatsächlichen Bedarf bildet der Körper kontinuierlich rote Blutkörperchen und auch andere Blutzellen wie Blutplättchen (Thrombozyten) oder weiße Blutkörperchen (Leukozyten). Schuld an der Blutbildungsstörung sind Veränderungen im Erbmaterial der blutbildenden Zellen im Knochenmark.

Bei der Polycythaemia vera ist das Erbmaterial verändert

Erst seit einigen Jahren ist bekannt, dass bei nahezu allen Menschen, die an Polycythaemia vera erkrankt sind, das Erbmaterial der Blutzellen bzw. ihrer Vorläuferzellen im Knochenmark verändert ist. Diese genetischen Veränderungen, die man auch als Mutationen bezeichnet, betreffen das sogenannte JAK2-Gen. Sie führen dazu, dass sich die Stammzellen im Knochenmark unkontrolliert und in viel zu großen Mengen zu roten Blutkörperchen entwickeln.

Die Mutationen im JAK2-Gen, die die Polycythaemia vera auslösen, lassen sich mit Hilfe eines einfachen Gentests nachweisen. Das hilft dem Arzt, die PV-Diagnose zu sichern.

Wie stellt der Arzt die genetische Veränderung im JAK2-Gen fest?

Um die genetischen Veränderungen im JAK-Gen nachzuweisen, benötigt der Arzt lediglich eine Blutprobe. Es ist auch möglich, die Untersuchung an einer Gewebeprobe aus dem Knochenmark durchzuführen. Das bietet sich an, wenn der Arzt im Rahmen der Polycythaemia vera-Diagnose ohnehin eine Knochenmarkpunktion vornimmt. Die Gewebeprobe lässt der Arzt in einem Labor untersuchen. Dabei wird zunächst die in den Blut- oder Knochenmarkzellen vorhandene Erbsubstanz aus dem Gewebe isoliert. Mit Hilfe einer speziellen Methode, der sogenannten DNA-Sequenzierung, ist es danach möglich, die charakteristischen genetischen Veränderungen des JAK-Gens nachzuweisen.

Was bedeutet ein „positives Ergebnis“ im Gentest?

Es gibt zwei verschiedene genetische Veränderungen im JAK2-Gen, die bei einer Polycythaemia vera auftreten können. Mit Hilfe der DNA-Sequenzierung kann der Arzt beide Mutationen sicher voneinander unterscheiden.

Eine der beiden JAK2-Mutationen ist mit einem Anteil von 95 % bei nahezu allen Polycythaemia vera-Patienten vorhanden. Allerdings ist ihr Vorkommen nicht auf die Polycythaemia vera beschränkt. Stattdessen kann sie auch bei anderen myeloproliferativen Erkrankungen, nämlich der Myelofibrose und der essenziellen Thrombozythämie, auftreten. Ist der Gentest positiv für diese JAK2-Mutation, sagt das also lediglich aus, dass der Betroffene mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit an einer myeloproliferativen Erkrankung leidet. Dabei muss es sich aber nicht zwangsläufig um eine Polycythaemia vera handeln. Im Gegensatz dazu tritt die zweite JAK2-Mutation ausschließlich bei der PV auf.

Ist der Gendefekt, der die Polycythaemia vera auslöst, vererbbar?

Menschen, die an einem Gendefekt leiden, fragen sich häufig, ob sie diesen an ihre Kinder weitervererben können. Bei einer Polycythaemia vera ist das in der Regel nicht möglich. Der Defekt im JAK2-Gen entsteht erst im Laufe des Lebens in einer der blutbildenden Zellen im Knochenmark. Da die anderen Körperzellen, einschließlich der Ei- und der Samenzellen, nicht von der JAK2-Mutation betroffen sind, können Menschen mit Polycythaemia vera den Gendefekt nicht an ihre Kinder weitergeben.

Stand: 2017

Quellen: 

[1] Der Brockhaus Gesundheit: Schulmedizin und Naturheilkunde, Arzneimittel, Kinderheilkunde und Zahnmedizin. 7. Auflage 2006, F.A. Brockhaus, Mannheim [2] Herold G. et al. Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2014 [3] mpn-netzwerk e.V. Polycythaemia vera – Antworten auf häufig gestellte Fragen. Stand: Juni 2011 http://www.mpn-netzwerk.de/fileadmin/dokumente/PV_Broschuere.pdf (zuletzt besucht am 10.03.2017) [4] Siegel, F.P. und Petrides P.E. Angeborene und erworbene Polyzythämien. 2008. Deutsches Ärzteblatt 105:62-68, http://www.aerzteblatt.de/archiv/58710/Angeborene-und-erworbene-Polyzythaemien (zuletzt besucht am 10.03.2017) [5] Lengfelder E. et al. DGHO Leitlinien „Polycythaemia vera“, https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/polycythaemia-vera-pv/@@view/html/index.html (zuletzt besucht am 10.03.2017) [6] Deutsche Leukämie- und Lymphom-Hilfe, DLH. Essentielle Thrombozythämie, Polycythaemia vera, Primäre Myelofibrose, http://www.leukaemie-hilfe.de/nc/download-informationen.html?tx_drblob_pi1%5BdownloadUid%5D=725 (zuletzt besucht am 10.03.2017) [7] mpn-netzwerk e. V. Primäre Myelofibrose (PMF) - Antworten auf häufig gestellte Fragen. 1. Auflage 2010 (korrigierte PDF-Version: Juni 2011). http://www.mpn-netzwerk.de/fileadmin/dokumente/PMF_Broschuere_.pdf (zuletzt besucht am 10.03.2017) [8] mpn-netzwerk e. V. Essenzielle Thrombozythämie (ET) – Antworten auf häufig gestellte Fragen. 1. Auflage September 2013, http://www.leukaemie-hilfe.de/nc/download-informationen.html?tx_drblob_pi1%5BdownloadUid%5D=759 (zuletzt besucht am 10.03.2017)

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