Die Stammzelltransplantation bei Polycythaemia vera (PV)

Die einzige Möglichkeit, eine Polycythaemia vera (PV) zu heilen, ist derzeit die Stammzelltransplantation. Dabei wird das krankhaft veränderte Knochenmark des Patienten durch gesunde Stammzellen eines passenden Spenders ersetzt.

Polycythaemia vera (PV) – die StammzelltransplantationEine Stammzelltransplantation ist derzeit die einzige Möglichkeit, eine PV zu heilen. Trotzdem ist diese Therapie in der Regel nicht die erste Wahl, wenn die Erkrankung neu diagnostiziert wird. Denn die Behandlung ist mit gesundheitlichen Risiken verbunden, die sorgfältig abgewogen werden müssen.

Was ist eine Stammzelltransplantation?

Unter Stammzelltransplantation versteht man allgemein die Übertragung von Stammzellen zwischen Spender und Empfänger. Handelt es sich bei Spender und Empfänger um die gleiche Person (dies kommt z. B. vor einer Chemotherapie oder Bestrahlung in Betracht, da diese Therapien auch das blutbildende System schwer schädigen können) spricht man von einer autologen Transplantation. Stammen die Zellen von einem Fremdspender spricht man von einer allogenen Transplantation. Da bei der PV die Stammzellen des Spenders krankhaft verändert sind, kommt hier nur eine allogene Transplantation in Frage.

Für wen kommt eine Stammzelltransplantation infrage?

Eine Stammzelltransplantation wird vor allem dann durchgeführt, wenn der Verlauf der Erkrankung komplikationsreich ist und sich das Zellwachstum nur schwer durch andere Maßnahmen kontrollieren lässt. Von einer Altersbegrenzung wird inzwischen in manchen Fällen abgesehen; der Allgemeinzustand – und Wunsch –  des Patienten ist entscheidend. Das Knochenmark des Empfängers wird vor einer Stammzelltransplantation durch eine aggressive Therapie komplett zerstört, was zu einer starken Belastung des Körpers führen kann. Danach können die Stammzellen eines Spenders auf den Empfänger übertragen werden.

Voraussetzung für eine Stammzelltransplantation ist, dass die Gewebemerkmale auf der Oberfläche der Blutzellen (HLA-Merkmale) von Spender und Empfänger weitgehend übereinstimmen. Nur so kann die Gefahr einer Transplantatabstoßung minimiert werden.

Bei Geschwistern besteht eine 25 %-ige Chance der Übereinstimmung. Die Möglichkeit, im weiteren Familienkreis einen passenden Spender zu finden, ist dagegen genauso hoch wie in der übrigen Bevölkerung. Die Chance einen passenden Fremdspender zu finden, liegt bei ca. 80 %.

Nach der Transplantation dauert es eine Zeit, bis die übertragenen Immunzellen ihre Funktion erfüllen können, sodass Infektionen eine nicht unerhebliche Gefahr für den Empfänger darstellen. In manchen Fällen kann es zu einer sogenannten Graft-versus-Host-Disease (GvHD = Transplantat-gegen-Empfänger-Reaktion) kommen, die dazu führt, dass das Immunsystem des Spenders, den Empfänger als „fremd“ erkennt und „angreift“. Trotz laufend verbesserter Therapien und höchster Sorgfalt können die genannten Komplikationen auch zum Tod des Patienten führen. Das Risiko, an Folgen der allogenen Stammzelltransplantation zu versterben, beträgt zwischen 5 und 50 %. Daher muss bei jedem Patienten sorgfältig abgewogen werden, ob eine Transplantation von Blutstammzellen infrage kommt.

Wie werden die Stammzellen gewonnen?

Es gibt zwei Möglichkeiten der Stammzellgewinnung. Die „klassische“ Entnahme von Knochenmark und die sogenannte periphere Stammzellspende, bei der die Stammzellen aus dem Blut des Spenders gewonnen werden. Letztere ist inzwischen die bevorzugte Methode.

  • Gewinnung aus Knochenmark
    Bei der Entnahme von Stammzellen aus dem Knochenmark wird mit einer Hohlnadel ein Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenkamm des Spenders entnommen. Der Eingriff wird in Vollnarkose durchgeführt. Das fehlende Knochenmark bildet sich beim Spender innerhalb von ca. zwei Wochen nach.
  • Gewinnung aus Blut
    Bei der peripheren Stammzellspende muss das Blut zunächst mit Stammzellen „angereichert“ werden, denn normalerweise sind dort nur wenige vorhanden. Hierzu wird das Knochenmark durch die Gabe eines Hormons (G-CSF) angeregt, vermehrt Blutzellen zu bilden und ins Blut abzugeben. Die Entnahme erfolgt dann durch eine Art Blutwäsche (Apherese), d. h. die gewünschten Zellen werden aus dem Blut „gefiltert". Meist dauert der Eingriff vier bis sechs Stunden und wird am nächsten Tag wiederholt, um genug Zellen zu gewinnen. Eine Narkose ist nicht nötig und der Spender kann danach nach Hause gehen.

Vorbereitung des Empfängers

Bevor gesunde Stammzellen eines Spenders übertragen werden können, muss zunächst das gesamte blutbildende System des Empfängers zerstört werden. Man spricht von Konditionierung. Dazu erhält der Patient entweder eine hochdosierte Chemotherapie oder eine hochdosierte Ganzkörperbestrahlung, manchmal eine Kombination aus beidem.

Durch die Konditionierung werden neben den blutbildenden Stammzellen auch alle Immunzellen zerstört. Die Spenderzellen können sich so leichter im Knochenmark des Empfängers einnisten und eine Abstoßungsreaktion wird vermieden. Ohne Immunzellen ist der Patient jedoch auch sehr anfällig für Infektionen.

Um Komplikationen vorzubeugen, wird der Empfänger vor der Transplantation sehr umfassend untersucht. Hierbei wird die Funktion der Organe geprüft und Entzündungsherde im Körper so weit wie möglich ausgeschlossen.

Die Transplantation und die Zeit danach

Die vom Spender gewonnenen Stammzellen werden durch eine Infusion auf den Empfänger übertragen. Nach der Stammzelltransplantation ist eine intensive Betreuung über einen Zeitraum von ca. 4-6 Wochen im Krankenhaus notwendig. Um den Patienten vor Keimen zu schützen, wird er in einem Isolierzimmer untergebracht, das mit speziellen Filteranlagen ausgestattet ist.

In der Regel bauen die transplantierten Blutstammzellen innerhalb weniger Wochen ein neues blutbildendes System im Knochenmark auf. Arbeitet dieses normal, d. h. bildet es neue und gesunde Blutzellen, gilt der Patient als geheilt. Je länger die Transplantation zurück liegt, umso mehr verringert sich auch das Risiko für lebensbedrohliche Komplikationen oder einen Rückfall. Wenn die Blutwerte stabil sind und keine Komplikationen auftreten, wird der Patient aus dem Krankenhaus entlassen.

Stand: 2017

Quellen: 

[1] Lengfelder E. et al. DGHO Leitlinien „Polycythaemia vera“, https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/polycythaemia-vera-pv/@@view/html/index.html (zuletzt besucht am 10.03.2017) [2] Transplantation verstehen, http://www.transplantation-verstehen.de/spezialthemen/allogene-blutstammzelltransplantation/ (zuletzt besucht am 10.03.2017) [3] dkms. Wir besiegen Blutkrebs, http://www.dkms.de/de/faq (zuletzt besucht am 10.03.2017) [4] dkfz. Krebsinformationsdienst, https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/blutstammzelltransplantation.php (zuletzt besucht am 10.03.2017) [5] Klinik für Innere Medizin III, Universitätsklinikum Ulm: Informationen für Patienten mit Blutstammzelltransplantation und Knochenmarktransplantation, http://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/Kliniken/Innere_Medizin/InnereIII/Station/20141020_cEBKT_final.pdf (zuletzt besucht am 10.03.2017) [6] Kompetenznetz Leukämien, http://www.kompetenznetz-leukaemie.de/content/patienten/behandlung/stammzelltransplantation/ (zuletzt besucht am 10.03.2017)

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