Polycythaemia vera (PV): eine myeloproliferative Erkrankung

Die Polycythaemia vera (PV) gehört zu den chronisch myeloproliferativen Erkrankungen (MPN). Erfahren Sie im Folgenden, was eine myeloproliferative Erkrankung ausmacht und wie der Arzt eine PV von anderen MPN unterscheiden kann.

Polycythaemia vera (PV): eine myeloproliferative ErkrankungDie Polycythaemia vera gehört zu den chronisch myeloproliferativen Neoplasien (MPN). Dabei handelt es sich um eine Gruppe unterschiedlicher Erkrankungen, die jedoch viele Gemeinsamkeiten haben und in manchen Fällen sogar fließend ineinander übergehen können. Alle myeloproliferativen Erkrankungen haben ihren Ursprung in einem Defekt der blutbildenden Zellen im Knochenmark. Dieser Defekt führt zu einer Überproduktion von Blutzellen.

Von einer MPN können alle Arten von Blutzellen betroffen sein

Im Blut befinden sich verschiedene Arten von Blutzellen: die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und die Blutplättchen (Thrombozyten). Sie alle können von der übermäßigen Vermehrung betroffen sein. Insgesamt unterscheiden Ärzte vier verschiedene myeloproliferative Neoplasien, die sich in unterschiedlichem Maße auf die verschiedenen Blutzellen auswirken:

  • bei der Myelofibrose (MF) ist vor allem die Anzahl der weißen Blutkörperchen erhöht
  • die chronische myeloische Leukämie (CML) betrifft ebenfalls vor allem die weißen Blutkörperchen
  • bei der essenziellen Thrombozythämie (ET) kommt es zu einer übermäßigen Vermehrung der Blutplättchen
  • die Polycythaemia vera (PV) betrifft besonders die roten Blutkörperchen

Auch wenn es bei jeder Erkrankung eine Zellart gibt, die am stärksten von der Überproduktion betroffen ist, wirken sich die meisten myeloproliferativen Erkrankungen auf mehrere oder sogar alle Zelltypen aus. Bei der Polycythaemia vera ist beispielsweise bei vielen Patienten auch die Anzahl der Thrombozyten und Leukozyten erhöht. Aufgrund der sich überschneidenden Symptome ist es für den Arzt oft nicht ganz einfach, die Erkrankungen sicher voneinander abzugrenzen.

Das Knochenmark ist der Ort der Blutbildung

Alle Blutzellen, also rote und weiße Blutkörperchen und Blutplättchen, entstehen im Knochenmark. Das Knochenmark ist ein schwammartiges Gewebe in den Hohlräumen bestimmter Knochen, wie zum Beispiel den Becken- und Oberschenkelknochen. Hier befinden sich die die blutbildenden Zellen (Stammzellen), aus denen sich über verschiedene Vorstufen – die sogenannten Vorläuferzellen – die unterschiedlichen Arten von Blutzellen entwickeln.

Sobald die Blutzellen reif und funktionsfähig sind, werden sie aus dem Knochenmark in das Blut entlassen, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Während die roten Blutkörperchen dafür zuständig sind, den Sauerstoff durch unseren Körper zu transportieren, sind die weißen Blutkörperchen ein wichtiger Bestandteil unseres Immunsystems. Die Blutplättchen sind hingegen für die Blutgerinnung wichtig und sorgen z. B. dafür, dass sich Wunden schnell wieder verschließen.

Die Lebenszeit der verschiedenen Blutzellen ist relativ kurz. Sie müssen deshalb regelmäßig im Knochenmark durch neue Zellen ersetzt werden. Normalerweise ist die Blutbildung beim Menschen sehr genau reguliert, sodass nur so viele neue Zellen nachgebildet werden, wie der Körper benötigt.

Häufig sind Schäden am Erbmaterial die Ursache einer myeloproliferativen Erkrankung

Bei Menschen, die an einer myeloproliferativen Erkrankung leiden, geraten die Regulationsmechanismen der Blutbildung außer Kontrolle, sodass übermäßig viele Blutzellen gebildet werden. Eine häufige Ursache ist eine Veränderung der Erbsubstanz der blutbildenden Zellen. Solche Gen-Defekte werden auch als Mutationen bezeichnet. Bei der Polycythaemia vera und der chronischen myeloischen Leukämie ist der Zusammenhang hingegen eindeutiger: Diese Erkrankungen gehen in nahezu allen Fällen auf eine fehlerhafte Erbinformation zurück.

Die Erbinformation ist in den sogenannten Chromosomen enthalten. Jede Zelle in unserem Körper speichert in ihrem Inneren auf insgesamt 46 Chromosomen die gesamte Erbinformation. Jedes dieser Chromosomen ist in verschiedene Abschnitte – die Gene – untergliedert. Jedes Gen wiederum enthält den Bauplan für ein bestimmtes Eiweiß (Protein). Diese Eiweiße bilden im menschlichen Körper eine wichtige Bausubstanz für Zellen und Gewebe, und auch bei der Regulation des Stoffwechsels spielen Eiweiße eine zentrale Rolle. Kommt es zu einer Mutation, schleicht sich in den Bauplan eines bestimmten Proteins ein Fehler ein. In vielen Fällen hat das keine Auswirkungen. Manchmal passiert es aber, dass das Protein durch diesen Fehler seine Funktion verliert oder dass sich seine Eigenschaften maßgeblich verändern. Das wiederum kann den Aufbau und die Funktion einer Zelle beeinträchtigen.

Mutationen, die sich bei den verschiedenen myeloproliferativen Erkrankungen nachweisen lassen, betreffen in der Regel Eiweiße, die die Vermehrung und die Entwicklung der Blutzellen im Knochenmark regulieren. Manche dieser Mutationen sind für eine bestimmte myeloproliferative Erkrankung spezifisch, sie treten also nur bei dieser Erkrankung auf. Andere Mutationen können hingegen bei verschiedenen myeloproliferativen Erkrankungen vorkommen.

Bei vielen Polycythaemia vera-Patienten finden sich Defekte im JAK2-Gen

Bei Patienten mit Polycythaemia vera sind in nahezu allen Fällen Mutationen im JAK2-Gen nachweisbar. Dieses Gen enthält die Bauanleitung für ein Eiweiß mit dem Namen Januskinase2 (JAK2). Die Januskinase ist ein Bestandteil der blutbildenden Zellen und funktioniert wie ein Schalter, über den die Vermehrung dieser Zellen nach Bedarf ein- oder ausgeschaltet wird. Bei Menschen mit Polycythaemia vera sind zwei verschiedene JAK2-Defekte bekannt, von denen einer bei 95 % der Patienten vorhanden ist, während der andere nur bei 5 % der Betroffenen auftritt. Beide Mutationen führen dazu, dass die Januskinase immer „eingeschaltet“ ist, sodass pausenlos rote Blutkörperchen gebildet werden, auch wenn dafür eigentlich kein Bedarf besteht.

Auch wenn eine JAK2-Mutation bei fast allen PV-Patienten auftritt, ist sie kein eindeutiger Hinweis auf die Erkrankung: Nur eine bestimmte, seltene JAK2-Mutation tritt ausschließlich bei der PV auf. Die weitverbreitete JAK2-Mutation kommt hingegen auch bei der Hälfte aller Patienten mit Myelofibrose (MF) oder essentieller Thrombozythämie (ET) vor. Wenn der Arzt diese JAK-Mutation feststellt, ist der Betroffene zwar mit sehr großer Wahrscheinlichkeit an einer myeloproliferativen Erkrankung erkrankt, aber nicht zwangsläufig an einer PV. Um eine Polycythaemia vera sicher von den anderen MPN unterscheiden zu können, muss der Arzt deshalb zusätzlich die Blutwerte überprüfen und eine Knochenmarkpunktion durchführen.

Das Philadelphia-Chromosom und der Ausschluss einer chronischen myeloischen Leukämie

Nicht nur der Nachweis einer Mutation, sondern auch das Nicht-Vorhandensein bestimmter genetischer Veränderungen kann dem Arzt helfen, die Polycythaemia vera von anderen myeloproliferativen Erkrankungen abzugrenzen. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist die chronische myeloische Leukämie, bei der in den genetisch veränderten Blutzellen ein bestimmtes verändertes Chromosom – das Philadelphia-Chromosom – zu finden ist.

Das Philadelphia-Chromosom lässt sich mit Hilfe molekulargenetischer Methoden im Blut und im Knochenmark leicht nachweisen und ist bei nahezu allen Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie vorhanden. Im Gegensatz dazu findet sich in den Blutzellen von Polycythaemia vera-Patienten nie ein Philadelphia-Chromosom.

Stand: 2017

Quellen: 

[1] mpn-netzwerk e. V. Primäre Myelofibrose (PMF) – Antworten auf häufig gestellte Fragen. 1. Auflage 2010 (korrigierte PDF-Version: Juni 2011), http://www.mpn-netzwerk.de/fileadmin/dokumente/PMF_Broschuere_.pdf (zuletzt besucht am 10.03.2017) [2] Deutsche Leukämie- und Lymphom-Hilfe, DLH. Essentielle Thrombozythämie, Polycythaemia vera, Primäre Myelofibrose, http://www.leukaemie-hilfe.de/nc/download-informationen.html?tx_drblob_pi1%5BdownloadUid%5D=725 (zuletzt besucht am 10.03.2017) [3] kinderkrebsinfo.de, http://www.kinderkrebsinfo.de/erkrankungen/leukaemien/pohpatinfoall120060414/allgemeine_informationen/aufbau_und_funktion_von_knochenmark_und_blut/ort_der_blutbildung/index_ger.html (zuletzt besucht am 10.03.2017) [4] mpn-netzwerk e. V. Essenzielle Thrombozythämie (ET) – Antworten auf häufig gestellte Fragen. 1. Auflage September 2013, http://www.leukaemie-hilfe.de/nc/download-informationen.html?tx_drblob_pi1%5BdownloadUid%5D=759 (zuletzt besucht am 10.03.2017) [5] mpn-netzwerk e.V. Polycythaemia vera – Antworten auf häufig gestellte Fragen. Stand: Juni 2011 http://www.mpn-netzwerk.de/fileadmin/dokumente/PV_Broschuere.pdf (zuletzt besucht am 10.03.2017) [6] Herold G. et al. Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2014 [7] Deutsche Leukämie- und Lymphomhilfe, DHL. Chronische myeloische Leukämie – Ratgeber für Patienten. http://www.leukaemie-hilfe.de/download-informationen.html?&no_cache=1&tx_drblob_pi1%5BdownloadUid%5D=78 (zuletzt besucht am 10.03.2017) [8] Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. de Gruyter. 263. Auflage 2012