Reaktionen der Haut

Wenn Sie wegen Polycythaemia vera (PV) am liebsten aus der Haut fahren würden

Für den Arzt steht bei der PV aus gutem Grund das Verhindern von zukünftigen, schweren Komplikationen wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Lungenembolie im Fokus der Therapie. Im Gegensatz dazu bereitet vielen Patienten vor allem die bestehende Symptomlast Sorge. Neben chronischer Müdigkeit (Fatigue) sind insbesondere Hautbeschwerden ein wichtiges Thema bei der PV.

So gaben in einer Studie 71 Prozent aller betroffenen Menschen an, unter Juckreiz bzw. brennender Haut zu leiden. Gut jeder Sechste erklärte gar, schwer beeinträchtigt zu sein. Dank neuer, zielgerichteter Therapien kann der Hämatologe hier seit einiger Zeit wirksam helfen – das ist wichtig, da chronischer Juckreiz für die Betroffenen sehr belastend ist und im schlimmsten Fall sogar in eine Depression führen kann.

Hintergrund: Eine wichtige, etablierte Therapiesäule bei der PV ist der milde Einsatz des Chemotherapeutikums Hydroxyurea – kurz HU. HU kontrolliert bei vielen Patienten das Blutbild, in dem es die überschießende Bildung von Blutzellen normalisiert. HU wird meist gut bis sehr gut vertragen. Doch nach Jahren der Einnahme oder bei relativ hoher Dosierung können – wie bei allen Medikamenten – Nebenwirkungen auftreten. Diese zeigen sich bevorzugt an der Haut des Menschen. Deshalb lassen sich Haut-Beschwerden bei der PV vielfach nicht allein auf primär krankheitsbedingte Symptome wie

  • Juckreiz (typischerweise bei Kontakt mit Wasser)
  • Blutungen unter der Haut
  • Gefäßentzündungen

begrenzen. Neben dem Komplex Pruritus (vom lateinischen „Prurire“ = „Jucken”) kann sekundär auch die Therapie selbst dazu beitragen, dass Menschen mit PV am liebsten aus der Haut fahren würden. In einer Studie klagten Patienten, die regelmäßig Hydroxyurea (HU) nahmen, unter anderem über folgende Nebenwirkungen:

  • Hautrockenheit (62 Prozent)
  • Beingeschwüre (30 Prozent)
  • Aktinische Keratose (30 Prozent)
  • Nagelverfärbung (30 Prozent)
  • Hautpigmentierung (19 Prozent)
  • Hornhautschwielen an den Füßen (11 Prozent)
  • Haarausfall (8 Prozent)

Exponiertes Angriffsziel

Ausgebreitet bis zu zwei Quadratmeter groß, nur wenige Millimeter dick und rund drei Kilo schwer – die Haut ist nicht nur das größte Organ des Menschen, als lebendes Schutzschild ist sie auch sein exponiertestes.

Neben der rein mechanischen Abschirmung ist die Haut allererste Verteidigungslinie des Immunsystems, reguliert die Körpertemperatur und ist ein empfindliches Sinnesorgan. Schon geringe Störungen können zum Verlust von Flüssigkeit und Eiweißen führen, Juckreiz oder Schmerzen auslösen und die Infektionsgefahr erhöhen.

Während die äußeren Lagen der gerade 0,1 Millimeter dünnen Oberhaut (Epidermis) aus abgestorbenen Zellen bestehen, die verhornt miteinander verklebt sind, liegen darunter zwei Schichten lebendiger Zellen, die ständig Zell-Nachschub für die hauchdünne Grenzbarriere zur Außenwelt produzieren.

Selbst bei niedriger Dosis greifen systemisch verabreichte Zytostatika wie Hydroxyurea leider nicht nur die sich schnell teilenden Blutzellen an. Auf Dauer schädigt HU ebenfalls das, sich schnell teilende Gewebe der Haut. Während eines Beobachtungszeitraums von 5,3 Jahren entwickelte fast jeder zweite Patient eine Hautveränderung. Die Nebenwirkungen des Chemotherapeutikums sind selten lebensbedrohlich, allerdings nicht nur kosmetisch störend, sondern manchmal auch eine erhebliche Belastung für die Gesundheit.

Symptom trockene Haut

Trockene Haut erinnert an Pergament: Sie ist rau, spröde, leicht rissig und vielfach schuppend. Oft fühlt sie sich gespannt an und verursacht Juckreiz. Außerdem reagiert sie sensibel auf Kälte beziehungsweise auf Hitze. Sehr trockene Stellen können zum so genannten Austrocknungsekzem führen. Die Haut reißt blutig ein, ist gerötet und juckt.

Symptom Beingeschwür

Die vorausgehende Verletzung ist oft nicht der Rede wert: ein kleiner Ratscher an der Bettkante oder der Autotür reicht aus, damit am Unterschenkel – meist auf dem Schienbein oder nahe des Knöchels – dieses scharf abgegrenzte, häufig sehr schmerzhafte Loch in der Haut auftaucht. Charakteristisch ist die entzündliche Rötung, abgestorbenes Gewebe und ein feuchtglänzender, gelblicher Belag.

Symptom aktinische Keratose

Vor allem auf den „Sonnenterassen“ des Körpers wie Gesicht, Stirn, Nase, Oberarm oder Handrücken zeigen sich aktinische Keratosen. Die weißlichen bis rötlichen Erhabenheiten fühlen sich an wie Sandpapier.

Dermatologen wissen, dass diese Lichtschädigungen unbehandelt zu Hautkrebs führen können: In jedem zehnten Fall wird aus der reiskorn- bis kirschgroßen „Hautschwiele“ ein gefährliches Plattenepithelkarzinom. Ursprungsort sind Stachelzellen. Sie bilden die wichtigen schützenden Hornzellen der obersten Hautschicht. Werden diese Hornzellen z.B. durch ein Übermaß an UV-Licht geschädigt, können sie entarten. Sie fangen an, unkontrolliert zu wachsen und wandern in andere Hautschichten ein.

Symptom Nagelverfärbung

Anfangs sind nur die Hände betroffen, später auch die Füße: Von der Lunula (dem Nagel-Halbmond) zieht sich Richtung Nagelspitze ein bräunlicher bis schwarzer Streifen. Auslöser ist eine Überproduktion von Melanin, das in den Nagel eingebaut wird und das zu der auffälligen, aber schmerzlosen Verfärbung führt.

Symptom Hautpigmentierung

Hydroxyurea führt bei einem Teil der Patienten zu hunderten Pigmentflecken, die manchmal diffus über den ganzen Körper verteilt, manchmal aber auch nur auf Gesicht, Hals und obere Extremitäten beschränkt sind. Die Flecken sind erst mal nicht gefährlich (haben nichts mit Schwarzem Hautkrebs zu tun). Aber schön sind sie auch nicht.

Symptom Hornhautschwielen

Eine weitere Folge der trockenen Haut, die z.B. durch HU verstärkt werden kann, sind Hornhautschwielen an den Füßen. Diese können Beschwerden beim Gehen verursachen, z.B. wenn sich Risse bilden und schlimmstenfalls Schrunden entstehen. Die auch Rhagaden genannten schmerzhaften Risse ziehen sich bis in die Lederhaut hinein.

Symptom Haarausfall

Haarverlust während der Therapie mit HU ist zwar sehr selten, führt aber häufig zu sozialem Rückzug. Das Haar ist ein wichtiger Teil unseres Erscheinungsbildes. Auslöser ist, dass die Haarschäfte durch die Chemotherapie auf Ebene der Kopfhaut abbrechen. Generell können auch Augenbrauen, Achsel- und Schambehaarung, bei Männern auch der Bart betroffen sein.

So gehen Sie mit Beschwerden richtig um

Sich in seiner Haut wohlzufühlen ist ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität. Deshalb sollten Sie Ihre Haut regelmäßig selbst kontrollieren, am besten einmal pro Monat, eventuell nach dem Duschen oder Baden. Benutzen Sie ruhig einen Spiegel für Körperstellen, die man normalerweise nicht im Blick hat. Oder fragen Sie Ihren Partner um Hilfe.

Veränderungen des Grenz-Organs reichen von harmlosen, kosmetischen Veränderungen bis hin zu schwerwiegenden oder gar schmerzhaften Erkrankungen. Aufgrund der Vielzahl der Möglichkeiten endet eine Laiendiagnose allerdings oft als Fehldiagnose.

Besser: Sie informieren Ihre behandelnden Ärzte (Hausarzt und Hämatologen) bei verdächtigen Beobachtungen – insbesondere nach Beinverletzungen. Lassen Sie sich außerdem als HU-Patient mindestens einmal pro Jahr für eine Hautuntersuchung zum Dermatologen überweisen.

Wichtig ist, dass der behandelnde Hämatologe von Ihnen auch unaufgefordert über Veränderungen der Haut informiert wird, da es einen Zusammenhang mit der Verordnung von Hydroxyurea geben kann. Sollte das der Fall sein, muss die HU-Therapie eventuell abgebrochen und eine andere Therapie begonnen werden. Der Hämatologe weiß, was zu tun ist – helfen Sie ihm dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen!

Quellen: 
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